Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit

Dieser Leitsatz, wortwörtlich „karate wa gi no tasuke“,

steht an dritter Stelle der Shoto Niju Kun, den zwanzig Regeln von Funakoshi Gichin.

Der Satz an sich hat wie jede der Regeln einen offensichtlichen Kern. Er soll verdeutlichen, dass man als Lehrer oder Lernender der Kampfkunst ein gewisses Gerechtigkeitsempfinden besitzen und auch bewusst in sein Handeln einbauen sollte. Das steht gewissermaßen auch in Verbindung mit der achten der Shoto Niju Kun, von der eine Übersetzung lautet: Karate findet nicht nur im Dojo statt. Dieses Gerechtigkeits-empfinden ist natürlich in einer Weise auf den Kampf zu beziehen, aber auch weiter darüber hinauszutragen. Zum Beispiel in den Alltag. Wenn man bemerkt, dass jemand Hilfe benötigt, die man ihm leicht geben kann. Wenn man sieht, dass jemand ungerecht behandelt wird, und die Möglichkeit hat, für seine Rechte einzutreten und nicht einfach daran vorüber zu gehen. Oder auch einmal ganz platt gesagt, etwas zu mit anderen zu teilen.
Das ist die grundlegende Aussage von diesem Satz. Dass wir in der Kampfkunst eben dieses Empfinden entwickeln und nicht einfach die Augen verschließen. Dabei muss es sich jetzt nicht unbedingt um ausartende Straßenschlägereien handeln, bei denen wir uns verpflichtet fühlen, einzugreifen, zu schlichten oder für das Rechte Partei zu ergreifen, dass meistens sowieso nicht offensichtlich festzustellen ist. Es kann auch etwas ganz einfaches sein, wie eines der oben genannten Beispiele.
Daran wird erkennbar, wie dehnbar eigentlich der Begriff der Gerechtigkeit ist. Anders wie beim festgelegten Recht, steht hier zum Beispiel ein subjektives Empfinden im Vordergrund, da schließlich nicht jeder alles weiß und alles fühlt. Aus dem Grund ist auch das sogenannte „die richtige Partei ergreifen“, so schwierig und kompliziert.
In seiner Theorie setzt der Philosoph Hans Kelsen den Begriff der Gerechtigkeit mit einer Leerenformel gleich. Er behauptet das bestimmte Gerechtigkeitsvorstellungen nur in Verbindung mit einem Gesellschaftssystem existieren können. Die Gerechtigkeit selbst wird quasi durch die Grundsätze einer jeden Gesellschaft definiert. Ohne diese existiert der Begriff der Gerechtigkeit ohne Aussage und ist demnach leer.
Nun vermitteln die Philosophie des Karate bereits gewisse Grundsätze. Unter anderem die Dojokun oder auch die Shoto Niju Kun selbst, die bei uns nicht ohne Grund im Dojo hängen.
Aber auch wenn man nun einmal unsere Gesellschaft im Dojo als eigene dahinstellt, lernen wir auch mit der Zeit gewisse Vorstellungen und eine gewisse Ordnung kennen.
Einmal beispielsweise im Training selbst, da immer neue weniger Erfahrene mit Höhergraduierten konfrontiert werden, und ein gewisses Bild gezeigt bekommen. Doch auch bezogen auf das generelle Verhalten, wenn es nur darum geht, sich beim Betreten des Dojos zu verneigen, nach dem Training noch gemeinsam die Räumlichkeiten sauber zu machen oder vor allen Dingen auch Respekt vor den Lehrern zu zeigen, wie auch vor den Mittrainierenden.
Das wird einem bereits in der ersten der Shoto Niju Kun bewusst:
Karate beginnt und endet mit Respekt
Wir bekommen also durch den Umgang mit der Kampfkunst und den Menschen, die sie neben uns praktizieren, wie auch den Gesprächsthemen nach dem Training ebenfalls eine Vorstellung von gewissen Verhaltens-formen, in denen sich auch der Begriff der Gerechtigkeit wiederfindet, ohne dass er als dieser benannt werden muss. Aber auch die Tatsache, dass das, was wir lernen, eben nicht nur im Dojo stattfindet, sondern für uns ist und dafür, was wir daraus machen, ist vor allen Dingen wichtig.
Die sechs Worte: Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit, sind also gar nicht so einfach auf den Punkt zu bringen. Wir können nur immer weiter an unserem Empfinden für den Begriff der Gerechtigkeit arbeiten und genauso daran, es bewusst einzusetzen, was wir eben durch das Karate lernen und auch lehren können.

Von | 2017-11-10T20:18:05+00:00 Oktober 15th, 2017|Budoblatt|Kommentare deaktiviert für Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit