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Hara – Die Erdmitte

HaraHara (auch fukubu oder onaka), bedeutet im Japanischen schlicht „Bauch“ und meint die Körpergegend vom Magen (i) bis einschließlich Unterleib (tanden). Über den körperlichen Begriff hinaus ist hara jedoch auch ein zentrales Prinzip der japanischen Lebensart, mit weitreichender Bedeutung im Alltag und in den Wegkünsten (geidō).
Das Konzept über den energetischen Mittelpunkt des Menschen (hara) stammt aus den frühen chinesischen Philosophien des Daoismus. Bereits 5000 v.Chr. stellten die Chinesen die Abhängigkeit des Menschen von den natürlichen Gesetzen des „Lebens und Sterbens“ fest und gründeten körperlich/geistige Übungen, durch die eine bestmögliche Vereinbarkeit des Menschen mit den naturbestimmten Lebensgesetzen zu verwirklichen war. Dabei ging es um die Anpassung des Menschen an die Gesetze der Natur, wodurch eine perfekte Lebensharmonie und gleichzeitig eine höchstmögliche Wirkungsweise erreicht werden konnte.
In China wird der verallgemeinernde Bauchbegriff nicht direkt verwendet, dafür umso mehr das Prinzip dāntián (jap. tanden), womit die Mitte (chin. zhōng, jap. naka) des hara bezeichnet wird.

Die Praxis des Hara 

In den japanischen Künsten definiert sich hara als Mitte (naka) des Menschen und bildet ein suggeriertes Kontrollzentrum in dem die Zusammenführung von Geist (shin), Technik (gi) und Körper (tai) erfolgt. Dieses psycho-physische Konzept (shingitai), beabsichtigt die harmonische Verbindung des Geistes (shin / kokoro), mit dem Körper (tai / karada), durch die Übung (undō) einer äußeren Technik (gi / waza) und bildet das Zentrum aller japanischen Wegkünste (geidō). Erst in diesem Sinn ist das Sprichwort „ob Teetrinken, Blumenstecken oder Sitzen, es ist immer das gleiche“ oder „was richtig geschieht, muss immer mit hara geschehen“, zu verstehen.
Alle in den Wegkünsten zu erzielenden Persönlichkeitswerte hängen von der Verwirklichung dieses Prinzips ab. Das verbindende Element zwischen Körper und Geist (shintai) wird in der Philosophie der Körpermitte (hara) gesehen. Hara ist der Sitz der Energie (ki), das Zentrum der Bewegung (sabaki) und der innerste Kern unseres Selbst. Die gesamte Philosophie des budō kreist um die Lehre von hara und ist in den Weglehren unverzichtbar.
In allen Weglehren des budō geht es nicht um die Übung bloser Körpertechniken und schon gar nicht um Sport und Wettkampf, sondern um die Vereinheitlichung von Geist und Körper durch das Training der Techniken. Dadurch führt der Lehrer seine Schüler auf einen Inneren Weg.

Shisei – die Haltung ist eine der Ausdrucksformen von hara und bezieht sich auf die Haltung des Körpers. Aus der in ihrem Mittelpunkt verankerten Gestalt erwächst der obere Körper auf seiner vertikalen Achse in vollkommenem Gleichgewicht nach oben. Der Nacken ist gerade, die Schultern entspannt, während sich die Schwerkraft nach unten senkt und im Bauch (hara) versammelt. Man entwickelt das Gefühl einer schweren Kugel in der Bauchgegend, deren Eigengewicht den Stand verankert und die den Oberkörper trägt. Sowohl im Stand als auch in der Bewegung geht es darum, dieses körperliche Gefüge zu erhalten, um die Kraft der Mitte voll zur Geltung kommen zu lassen.
Die Mitte ist das Zentrum der Kraft und das Zentrum des Gleichgewichtes. Durch den Einsatz der Hüfte kommt diese Kraft zur Geltung, indem durch den richtigen Umgang mit dem Schwerezentrum das Gleichgewicht im Stand und in der Bewegung gewahrt wird.
Kinchō/Kanwa – bezeichnet das Verhältnis zwischen Spannung und Entspannung in allen Handlungen. Unter Berücksichtigung der rechten Haltung (shisei) bewegt sich der Körper in der auszuführenden Aktion – immer ausgehend von hara – entweder in einer Hüftdrehung oder in einem Hüftschub. Um darin höchstmögliche Kraft zu entwickeln, bedarf es des rechten Spannungsverhältnisses der Muskeln in der Bewegung. Grundsätzlich wird jede Bewegung in der Entspannung ausgeführt, um eine maximale Endgeschwindigkeit der Technik (und somit kinetische Energie) zu erreichen, die am Ende durch ein kurzzeitiges Anspannen in destruktive Energie umgesetzt wird.
Kokyū – bezeichnet den Vorgang der Atmung. In allen Techniken des karate ist die Atmung von entscheidender Bedeutung. Im unmittelbaren Handlungsvorgang bestimmt sie das „Geben und Nehmen“, das „Spannen und Entspannen“ und den psychologischen Aspekt der Technik. Die Atmung ist nicht nur ein körperlicher Vorgang, sondern kommuniziert mit den psychologischen Strukturen des Menschen: so heißt Einatmen grundsätzlich „Nehmen“ und Ausatmen grundsätzlich „Geben“. Auch ungeübte Menschen verwenden unbewusst dieses Prinzip (z.B. beim Holzhacken – niemand spaltet einen Holzklotz, während er einatmet). 

In den Kampfkünsten stehen deshalb die Prinzipien der Haltung (shisei), der rechten Spannung (kinchō) und der Atmung (kokyū) in beständiger Relation zueinander. Wenn man entspannt und aufrecht ist und das Zwerchfell während der Einatmung nach unten zieht, drückt sich der Bauch ganz natürlich nach vorne. Der Atem strömt in den Bauch, in das Zentrum der Kraft (hara). Wenn wir ausatmen, drückt das Zwerchfell nach oben, und die Luft strömt heraus. Der Atem strömt in den Bauch, in das Zentrum der Kraft (hara).