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Dojokun – Die Philosophie

Copyright by Werner Lind

In seinem Buch „Budō – Der geistige Weg der Kampfkünste“ hat sensei Werner Lind bereits vor vielen Jahren die Inhalte der japanischen Kampfkünste ins europäische Denken übersetzt, so dass sie auch außerhalb Asiens verstanden werden können. Unter anderem gründete er das Konzept der dōjōkun auf fünf philosophischen Grundsätzen, die die gesamte geistige Entwicklung eines Übenden auf dem Weg (eines Menschen im Leben) bestimmen:

1. Verhältnis zu sich selbst    – Suche nach der Vervollkommnung deines Charakters
2. Verhältnis zur Welt        – Sei aufrichtig, loyal und zuverlässig
3. Wege des rechten Strebens    – Sei achtsam in deinem Streben
4. Verhaltensetikette        – Ehre die Prinzipien der Etikette
5. Gewaltloses Handeln        – Verzichte auf Gewalt

Innerhalb dieser Gruppen werden im BSK praktische Leitsätze (kaisetsu) als Verhaltens- und Lebenshilfen zusammengefasst. Sie stammen aus der asiatischen Literatur und wurden dazu erdacht, die kontemplativen Gedanken der Übenden zu fördern. Sie können jedoch ebensogut von Goethe, Hesse oder Epikur stammen, denn alle Philosophien der Welt stellen die Frage nach dem Sinn und Sein und eröffnen dem Übenden den Zugang zum philosophischen Denken.
Die meisten unter kaisetsu gelisteten Weisheiten stammen aus dem bushidō und sind stark vom zen und von den chinesischen Philosophien (Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus) beeinflusst. Sie sind untrennbar mit der Budō-Übung verbunden und sollen nicht als Theorie wahrgenommen werden, sondern zur Verwirklichung hoher Fortschrittsgrade (kodansha) dienen. Hohe Grade bezeichnen den Rang eines Gelehrten (shi) und sind nicht durch die Ausübung eines Sports erreichbar.
Das Studium der dōjōkun wird dann, wenn es als Selbstübung verwendet werden, zum Maßstab für den Fortschritt auf dem Weg (). Fortgeschrittene erreichen durch diese Übung einen reifen Geist (shin) und verbinden erkenntnisfähiges Denken mit persönlichem Verhalten (rei). In der dōjōkun liegt weitgehend die philosophische Essenz des budō. Im Folgenden werden die fünf Leitsätze der BSK-Dōjōkun erläutert:


1. Suche nach der Vervollkommnung deines Charakters
Dein Verhältnis zu dir selbst

Unsere Zustände schreiben wir bald Gott,
bald dem Teufel zu und fehlen ein wie das anderemal:
in uns selbst liegt das Rätsel, da wir Ausgeburt zweier Welten sind.
J.W. Goethe, Maximen und Reflexionen

Bemühe dich darum, nicht nur deinen Körper zu üben, sondern begegne deinen inneren Unebenheiten mit derselben Kraft, wie du im Training lernst, äußere Schwierigkeiten zu überwinden.

    Diese Regel bezieht sich auf das ausgewogene innere Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Sie macht deutlich, dass die Übung des Budō nicht nur das Körperliche meint, sondern dass der Übende sich in allen alltäglichen Situationen selbstkritisch betrachten soll, um festzustellen, welches die inneren Probleme sind, die der Perfektion seines Selbst im Wege stehen. Durch diese Regel wird der Übende aufgerufen, seinen inneren Unebenheiten mit derselben Kraft zu begegnen, wie er es im körperlichen Training lernt, äußere Schwierigkeiten zu überwinden.
Mit einem wachen und selbstbetrachtenden Geist kann der Übende den Sinn dieser Regel in unzähligen Situationen an sich selbst feststellen. So kann er z.B. erkennen, ob er sich im inneren Gleichgewicht befindet oder ob er im Vorurteil denkt und handelt. Auch Tendenzen zur Überheblichkeit, zum Egoismus, zur Selbstüberschätzung, zur Ungerechtigkeit, zum Selbstmitleid, zu unkontrollierten Gefühlen u.a. fallen unter diese Regel. Wenn sie nicht behoben werden, verhindern sie den Fortschritt auf dem Weg. Lernt er jedoch, sein Inneres zu meistern, wird ihm diese Erfahrung im Leben sehr von Nutzen sein. Die Übung des Körpers wird mit dem Älterwerden ihre Grenze erreichen, der Geist jedoch läßt sich bis zum Tod immer weiter vervollkommnen.


2. Sei aufrichtig, loyal und zuverlässig
Dein Verhältnis zur Welt

Wer das Denken zur Hauptsache macht,
der kann es darin zwar weit bringen,
aber er hat doch eben den Boden mit dem Wasser
vertauscht, und einmal wird er ersaufen.
Hermann Hesse, Der Steppenwolf

Achte das Leben, deine Kunst und den anderen Menschen. Pflege gegenseitige Beziehungen mit ehrlicher Gesinnung und vermeide Haltungen, durch die du in Frage gestellt werden kannst. Stehe zu deinen Verantwortungen und pflege den Geist der Freundschaft.

    Diese Regel bezieht sich auf die Haltung des Menschen gegenüber dem Leben und auf die die Bereitschaft zum richtigen Verhältnis zwischen Selbst und Gegenüber. Sie macht darauf aufmerksam, dass auf dem Weg zu einem Ziel eine harmonischen Beziehung zwischen dem Selbst und den existierenden Umständen nötig ist, da kein Ziel im selbstsüchtigen Wollen, sondern nur im rechten Verhältnis zu den Gegebenheiten erreicht werden kann.
So z.B. erläutert sie die Grundvoraussetzungen, durch die rechte und gerechte Beziehungen zu anderen Menschen möglich werden. Fruchtbare Beziehungen entstehen erst dann, wenn ein Mensch fähig ist, persönliche Ansprüche durch die Bereitschaft zur Hingabe auszugleichen. Gerät das Gleichgewicht zwischen Bereitschaft und Anspruch durch egoistische oder oberflächliche Fehlhaltungen in Gefahr, wird jede Kommunikation unterbrochen.
Das Gleichgewicht zwischen innen und außen ist wichtig, will der Mensch sich auf die rechte Weise in der Welt bekunden. Stillschweigend setzt jeder Mensch bei einem anderen, mit dem er in gemeinsame und gegenseitige Abhängigkeiten tritt, diese gleichgewichtige Haltung voraus. Doch dort, wo Menschen mehr wollen, als sie geben, höhere Ansprüche stellen, als sie bereit sind zu verantworten, viel versprechen und wenig halten, Großes beabsichtigen und Kleines tun, ziehen sie sich das Mißfallen all jener zu, die das entstehende Ungleichgewicht durch erhöhte Opfer ausgleichen müssen. Da keine realistische Selbsteinschätzung vorhanden ist, erlaubt eine solche Haltung auch keinen wahren Wertaustausch mit anderen und deshalb auch keine ehrliche, sondern nur eine oberflächliche Beziehung.


3. Sei achtsam in deinem Streben
Dein Verhältnis zum Achten und Streben

Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen.
Ein Werdender wird immer dankbar sein.
J. W. Goethe, Faust

Vermeide jede Form des egoistischen Strebens. Überwinde den Egoismus, die Selbstsucht und die Habgier, sei maßvoll im Nehmen und großzügig im Geben. Dränge dich nicht in den Vordergrund, halte deine Ansprüche gering und bekenne dich zur Verantwortung, zur Hilfe und zur Toleranz.

    Diese Regel bezieht sich auf die Verwirklichung des Menschen in seinen persönlichen Lebenszielen. Sie hängt eng mit dem ersten und zweiten Leitsatz zusammen, da jedes angestrebte Ziel einer reifen Grundhaltung bedarf, wenn es abwegige und uneinschätzbare Wirkungen vermeiden will. Wie Menschen im persönlichen Umfeld ihre Ziele setzen, bestimmt in einer übergeordneten Dimension den Frieden in der Welt. Deshalb ist Strebsamkeit allein nicht die vermeintlich positive Kraft, sondern wird es erst durch die Verbindung mit einer reifen inneren Haltung. Streben ist gebunden an Sinn, an Maß und an Erkenntnis. Die Philosophie des Budō lehrt, dass Streben ohne Verantwortung auf die eine oder andere Weise immer dem Leben entgegensteht.
Diese Betrachtung ist nicht nur dem budō eigen, sondern allen Philosophien, die einen Ausweg aus dem durch falsches Streben hervorgerufenen Dilemma suchen, in der sich gegenwärtiges Leben befindet. Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier in einer zweipoligen Bestimmung gefangen: Zum einen ist er wie alles Leben das Resultat eines natürlichen Zufalls, darin gefangen und ihm bedingungslos unterworfen. Da er sich nicht herauslösen kann, ist er den natürlichen Gesetzen ohnmächtig preisgegeben, abhängig und unselbständig. Zum anderen entwickelt er aber durch sein Bewußtsein eine zweite, der ersten entgegengesetzte Kraft, dank der er persönliche Ziele anstreben und erreichen kann. So verändert er nach eigenen Vorstellungen die Welt und verwirklicht darin das Abbild dessen, was er in seinem Sinne für richtig und dienlich hält. Darin besteht sein Unterschied zum Tier, das des Denkens nicht mächtig, den natürlichen Gesetzen widerstandslos preisgegeben ist.
Jeder bewußte Eingriff in das von der Natur geforderte Erdulden ist jedoch immer Selbstverwirklichung und Auflehnung zugleich. Alles, was der Mensch für den Umfang seiner persönlichen Wünsche beansprucht, nimmt er sich zum Nachteil jener Kraft, die ihm auf der Vorstufe seiner Bewußtwerdung Leben ermöglicht. Überschreitet er das Maß und verletzt das Gleichgewicht zu seinem tragenden Ursprung, entfernt er sich gleichzeitig von der Quelle seiner natürlichen Lebenskraft, durch die er entsteht, wächst und gedeiht.
Das Vertrauen in das Selbst erlaubt dem Menschen einen gewissen Abstand zu den unkontrollierbaren Mächten der Natur, doch die vollkommene Befreiung ist nicht möglich. Nur durch einen Geist, der das Maß erkennt und das Gleichgewicht wahrt, kann sein Leben gedeihen. Um ihn zu verwirklichen, ist Streben notwendig, doch es darf nicht vom Ich bestimmt sein, das Wachstum und Gewinn ohne Grenzen fordert. Es bedarf der Kontrolle und der Lenkung aus der von innen heraus gereiften Haltung zum Leben, die Streben in beide Richtungen der menschlichen Bestimmung ermöglicht. Im Ungleichgewicht der Extreme verfehlt es den Sinn und stellt das Überleben in Frage.


4. Ehre die Prinzipien der Etikette
Deine Umgangsformen im rechten Verhalten

Wer die kleinen Dinge nicht achtet,
kann den großen nicht gerecht werden.
W. L.

Respektiere die Budō-Etikette und bemühe dich darum, sie in deinem Verhalten sichtbar zu machen. Gehe nicht gedankenlos über sie hinweg und suche nicht nach Entschuldigungen, wenn du sie verletzt. Gleiche Fehler durch erhöhte Hingabe aus und lasse sie nicht auf sich beruhen.

    Diese Regel bezieht sich auf die richtigen Formen der Verhaltensetikette, die ein Mensch beachten muß, wenn er von anderen verstanden und angenommen werden will. Menschen mit einer schlechten Verhaltensetikette werden selbst im Wohlgemeinten mißverstanden, denn sie widerlegen ihre Absichten und Aussagen durch unentsprechendes Verhalten. Die rechte Etikette macht einen Menschen glaubwürdig, offen und unkompliziert. Sie bewirkt eine verständliche Kommunikation mit anderen und hilft die Harmonie in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu erhalten.
Die Etikette besteht aus der objektiv wahrnehmbaren Verhaltensform eines Menschen, durch das er einem anderen mitteilt, dass er in der rechten Weise zur gegenseitigen Verständigung bereit ist. Dort, wo die Form von inneren Unebenheiten überschattet oder durch eine unbewußte Gestik widerrufen wird, verliert der Mensch an Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Menschen ohne Etikette sind beständig dabei, das, was sie sagen, durch ihren Ausdruck zu widerlegen. Darauf beruhen viele Mißverständnisse. Häufig zerbricht eine Beziehung an der Unfähigkeit, sich angemessen mitzuteilen. Durch die in der Übung gereifte Etikette ist ein Mensch in der Lage, sich von jenen inneren Zwängen zu befreien, die ihm Wohlgemeintes nach außen ins Gegenteil verdrehen. Ohne Etikette wird Aufrichtigkeit zu Grobheit, Mut zu Auflehnung, Demut zu Unterwürfigkeit, Respekt zu Kriecherei und Vorsicht zu Furchtsamkeit. Die rechte Etikette sorgt für Frieden und Harmonie zwischen den Menschen. Sie findet in den Kampfkünsten in den Leitsätzen „Ohne Höflichkeit geht der Wert des Karate verloren“ und „Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt“ ihren Ausdruck.
Meister Funakoshi bezeichnete die Höflichkeit als die Grundlage jeder Etikette und den Gruß als ihr wichtigstes Symbol. Das jede Übung beständig begleitende Rei führt den Übenden zur Überwindung der inneren Ichbezogenheit und erlaubt ihm letztendlich, anderen Menschen ohne Maske gegenüberzutreten. Alle Fortgeschrittenen wissen um die Bedeutung des Rei. Übende, die das Grüßen durch Nachlässigkeit verletzen, gelten als unbescheiden, selbstbezogen und unanpassungsfähig. Die Art und Weise, wie ein Übender grüßt, ist ein Spiegel seiner selbst.


5. Verzichte auf Gewalt
Dein Verhältnis zur Gewalt

Die Gewalt ist das Böse und die Gewaltlosigkeit
der einzige Weg derer, die wach geworden sind.
Dieser Weg wird niemals der aller sein und niemals der der Regierenden
und derer, die die Weltgeschichte machen und Kriege führen.
Die Erde wird nie ein Paradies und die Menschheit
nie mit Gott Eins und versöhnt sein.
Aber wenn man weiß, auf welcher Seite man steht, lebt man freier und ruhiger.
Immer muss man auf Leiden und Vergewaltigung gefasst
sein, niemals aber darf man selbst zum Töten bereit sein.
Hermann Hesse, Aus einem Brief, 1950

Mißbrauche weder das Wissen noch das Können, das du dir in der Übung der Kampfkünste aneignest, für eigennützige Zwecke. Bekenne dich zur körperlichen und geistigen Gewaltlosigkeit und bemühe dich in allen Problemsituationen um friedliche Alternativen.

    Diese Regel bezieht sich sowohl auf die notwendige innere Haltung, die menschliches Zusammenleben ermöglicht, als auch auf die Formung eines menschenwürdigen Charakters. Bei den Tieren sind die Verhaltensmuster zur Erhaltung ihrer Art in ihren natürlichen Anlagen vorhanden und werden von der Natur gelenkt. Der Mensch kann sie durch seine Verselbständigung mit egoistischen Interessen ersetzen und braucht daher eine durch Erkenntnis verinnerlichte Instanz, die auf das Maß seiner Handlungen achtet. Diese Instanz ist dem Menschen nicht mitgegeben, er muß sie sich erarbeiten. Deshalb mahnt diese Regel zum Verzicht auf körperliche Gewalt und bezeichnet gleichzeitig alle Formen der Gewaltanwendung als menschenunwürdig.
Ein Fortgeschrittener in den Kampfkünsten kann anderen Menschen ernsthafte Verletzungen zufügen und ist dann, wenn er seine Fähigkeiten als Machtmittel gegenüber seinen Mitmenschen verwendet, eine Gefahr für die Gesellschaft und ein menschenunwürdiges Individuum. Auf dieser Grundlage wurde ursprünglich das budō vom bujutsu getrennt. Das Ziel des bujutsu war es, vollendete Formen des Tötens zu lehren, während das budō die Selbstmeisterschaft, also die Meisterschaft des Verhaltens lehrt. Meister Funakoshis karate ni sente nashi (Im Karate gibt es keinen Angriff) erläutert, dass der Mensch als geistiges Wesen die Fähigkeit besitzt, Wege der Gewaltlosigkeit zu finden, wenn er den Situationen mit überwundenem Ich begegnet. Die Lösung der zwischenmenschlichen Probleme auf der Basis der Gewalt sind primitive Gepflogenheiten und ermöglichen kein menschliches Zusammenleben unter dem Zeichen des Geistes. Der gebildete Mensch ist in der Lage, Situationen zu beurteilen und Lösungen zu suchen. Ist sein Resultat dennoch die Gewalt, hat er sich vom Tier nicht weit entfernt.
In der Geschichte der Kampfkünste wie auch in der Menschengeschichte gibt es viele Zeugnisse von großem Leid, das durch Gewaltanwendung über die Menschen kam. Dennoch gehen viele Kampfkunstanhänger mit diesem Leitsatz sehr leichtfertig um. Manche Menschen üben die Kampfkünste nur mit dem Zweck, ihre Gegner besiegen zu lernen. Budō ist jedoch vor allem eine Kunst der Selbstperfektion, und dazu gehört das richtige Verständnis dieser Regel.


Malender-Moench

Shi – der Gelehrte